Die Angst im Alter vor dem Sturz


Eine der belastendsten, weil auch folgenreichsten Risiken des höheren Lebensalters ist die Sturz-Gefahr. Sie wird allerdings nicht selten aus Gründen der Beschämung verschwiegen oder „runter-geredet“. Dabei gehört sie ggf. zu den gefährlichsten Konsequenzen einer – ja an sich von jedem gewünschten  möglichst hohen Lebenserwartung. Deshalb gilt es hier rechtzeitig zu registrieren sowie gezielt zu beseitigen bzw. unterstützen, was entsprechende Gefahrenquellen sowie Möglichkeiten der seelischen, körperlichen und umfeldbezogenen Aspekte anbelangt. Nachfolgend eine kurzgefasste Übersicht zu Definition, Häufigkeit, Sturz-Risiken, und hier vorallem patienten-bezogene Risiko-Faktoren wie Muskelschwäche, Störungen von Balance und Mobilität, Sturz-Vorgeschichte, belastende Krankheiten, Seh- und Hörstörungen, geistige und seelische Beeinträchtigunge bis hin zur Demenz, Arzneimittel mit entsprechenden Nebenwirkungen und – nicht zu vergessen– die Sturz-Angst, die sich langsam, aber unaufhaltsam und fast nicht mehr korrigierbar zu entwickeln droht. Deshalb auch entsprechende Hinweise zu Vorbeugung und Behandlung, was patienten- und umfeld-bedingte Sturz-Risiken anbelangt.

Definition

Als Sturz gilt ein plötzliches und unkontrolliertes Heruntergleiten oder Herunterfallen auf ein tieferes Niveau. Damit umfasst diese Definition nicht nur Stürze aus senkrechter Körper-Haltung, sondern auch – im Alltag vermutlich nicht so selten – beispielsweise das Herausgleiten aus einem Rollstuhl oder gar der Sturz aus einem Bett.

Häufigkeit

Damit gehört die so genannte Instabilität beim Stehen und Gehen zu den Geiseln des höheren Lebensalters und zu den wichtigsten Aus-, Weiter- und Fortbildungsthemen der Altersmedizin, wie die erwähnten Experten einleitend zu bedenken geben. Nämlich: Über ein Drittel aller über 65-Jährigen stürzt mindestens einmal pro Jahr. Bei den über 80-Jährigen trifft es bereits jeden Zweiten. Und wer einmal stürzte, muss mit dem hohen Risiko eines erneuten Sturzes innerhalb eines Jahres rechnen (man spricht von etwa 70%).

Folgenreiche Konsequenzen eines Sturzes sind in jedem Alter zu erwarten. Zumeist geht es ja leidlich gut. Doch bei den Älteren hat etwa jeder zehnte Sturz drastische Folgen. Beispiele: Hüftfraktur, subdurales Hämatom (Bluterguss in bestimmten Gehirnregionen), größere Weichteilverletzungen oder gar ein Schädel-Hirn-Trauma (zu dessen Folgen man in mehreren Beiträgen dieser Serie einiges ggf. Folgenschweres nachlesen kann). Und selbst wenn es scheinbar gut geht, ist es nicht selten mit der Bewegungs-Sicherheit und -Fähigkeit nicht mehr so weit her wie früher (Stichwort: Mobilitäts-Einbußen). Und es ist mit einer weiteren Zunahme des Sturz-Risikos zu rechnen (s. o.). So weist etwa ein Viertel der Gestürzten im höheren Lebensalter einen erhöhten Hilfs- bzw. Pflegebedarf auf, vor allem was die Alltags-Aufgaben anbelangt wie Duschen, Anziehen, Treppen steigen, Einkaufen u.a.

Risiko-Faktoren für Stürze im Alter Muskelschwäche der Beine (4,4-faches Risiko), Sturz in den letzten Monaten (4,0), Störungen der Balance und des Ganges (je 2,9), Hilfsmittelbenutzung (Stock oder Rollator 2,6), Einschränkungen im Sehen und Hören (2,5), Arthrose von Knien und Hüfte (2,4), Hilfsbedarf in den Alltags-Aktivitäten (2,3), Depres- sion (2,2), Einschränkungen der kognitiven Leistung durch Demenz oder Delir (1,8), Alter über 80 Jahre (1,7) sowie Herz-Kreislauf-Probleme, Blutdruckschwankungen (oft durch Medikamente) bzw. die Einnahme von mehr als vier Medikamenten.
 

Nach J. Zeeh und M. Masuch, 2013

Quelle: Auszüge von Prof. Dr. med. Volker Faust
Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit

 

Nicht spezifische Rückenschmerzen


70 Prozent der Deutschen klagen einmal im Jahr über Rückenbeschwerden. Zur Zeit haben zwischen 27 und 40 Prozent der Deutschen Rückenschmerzen.

„Von namhaften Wissenschaftlern wurde der Umgang mit Rückenschmerzen in den letzten 50 Jahren als das größte medizinische Desaster des 20. Jahrhunderts bezeichnet“

Gangunsicherheit

Hierzu wurde schon im Ärzteblatt 2015 folgendes geschrieben:  (Auszugweise)
Bei 30 % der über 70-Jährigen schränkt Schwindel die Alltagsaktivitäten ein und ist ein Grund für Arztbesuche. Besonders häufige Ursachen von Schwindel und Gangunsicherheit im Alter sind sensorische Defizite wie beidseitige Vestibulopathie, Polyneuropathie und Visusminderung sowie der gutartige Lagerungsschwindel und zentrale Störungen, beispielsweise Kleinhirnataxie oder Normaldruckhydrozephalus. Weitere relevante Faktoren sind sedierende oder blutdrucksenkende Medikamente, Muskelmasseverlust (Sarkopenie) und Angst vor Stürzen. Oft kommen im Alter mehrere Faktoren zusammen. Der gutartige Lagerungsschwindel kann erfolgreich mit spezifischen Befreiungsmanövern therapiert werden. Sedierende Wirkstoffe sind nur beim akuten Drehschwindel indiziert, allerdings nicht zur Dauertherapie. Eine Sarkopenie kann durch körperliches Training behandelt werden.

Schwindel und Gangunsicherheit im Alter

Bei Patienten > 75 Jahre ist Schwindel das häufigste Leitsymptom. Die 1-Jahres-Prävalenz für signifikanten Schwindel, der zu einem Arztbesuch führt und die Alltagsaktivität einschränkt, liegt bei > 60-Jährigen bei 20 %, bei > 70-Jährigen bei 30 % und bei > 80-Jährigen bei 50 %. Im Rahmen der bevölkerungsbasierten Kohortenstudie KORA-Age im Raum Augsburg wurde Schwindel als wesentlicher Faktor für die Beeinträchtigung der Lebensqualität und damit reduzierte Teilhabe an altersentsprechenden Aktivitäten bei älteren Menschen identifiziert. Der deutsche Begriff „Schwindel“ wird verwendet für ein weites Spektrum von Wahrnehmungen und Beschwerden, die von einem Dreh- über ein Schwankgefühl bis zu Gangunsicherheit, Benommenheit oder Angst reichen. Die strukturierte Anamnese und die klinische Untersuchung sind daher die wichtigsten Bausteine bei der Ursachenklärung. Die meisten älteren Patienten mit lang andauernden Schwindelbeschwerden sind auch gangunsicher. Gemessen mit einem einfachen klinischen Test (modifizierter Romberg-Test) lag die Prävalenz von Balancestörungen bei > 80-Jährigen in den USA bei 85 %. Ein wichtiger und quantifizierbarer Parameter in diesem Zusammenhang ist die Sturzfrequenz: Innerhalb eines Jahres kommt es auch ohne Schwindel bei > 30 % der zu Hause lebenden Personen > 65 Jahre und bei > 50 % der Pflegeheimbewohner zu mindestens einem Sturz. Häufig nimmt dann die Mobilität durch die Angst vor erneuten Stürzen weiter ab. Allein die direkten Sturzfolgen sind in Europa für > 1 % der Kosten im Gesundheitssystem verantwortlich. Zu den wichtigsten Risikofaktoren für Stürze im Alter zählen Schwindelbeschwerden und Gangstörungen.